Über Leben und Werk der Dichterin Sarah Kirsch



Zwei Autorinnen, zwei Bücher, zwei Sichten auf einen Sommeraufenthalt in Mecklenburg 1975 - Christa Wolf ist 80 Jahre

Limlingerode (hkn. Sarah Kirsch nimmt 1975 eine Einladung Christa Wolfs an, einige Zeit des Sommes mit ihrem Sohn Moritz, der sich selbst Moses nennt, nahe des Häuschens der Wolfs im Mecklenburgischen zu verbringen. Eigentlich wäre die junge Dichterin gern mit ihrem damaligen Liebsten, dem Schriftsteller Christoph Meckel, der in Westberlin lebt, gen Süden gefahren, aber die Gesetze ihres Ländchens lassen das nicht zu.
Also, auf nach Mecklenburg! In diesem Landstrich hat sich die Familie Wolf in Meteln in einem alten Bauernhaus ein Domizil eingerichtet, um besonders des Sommers mit den Kindern auf dem Land sein zu können. In der Nähe wohnen Freunde, z. B. Carola, mit einem Griechen verheiratet, zu der die Kirschs ziehen. In dem Christa-Wolf-Band "Ein Tag Im Jahr", 2003 erschienen, erfährt man über den Mann: "Später stellte sich seine Mitarbeit für die Staatssicherheit heraus ..."
Über diesen "Jahrhundertsommer"-Aufenthalt 1975 gibt es zwei Bücher, das eine von Christa Wolf, "Sommerstück", von ihr "allen Freunden jenes Sommers" gewidmet, das zweite von Sarah Kirsch, "Allerlei-Rauh/Eine Chronik", mit dem Hinweis: "Alles ist frei erfunden und jeder Name wurde verwechselt." Das bedeutet bei der Dichterin - alle Namen sind echt.
Bei der Wolf heißt es am Schluss des Prosabandes: "Alle Figuren ... sind Erfindungen der Erzählerin, keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person. Ebensowenig decken sich beschriebene Episoden mit tatsächlichen Vorgängen." Das Buch der Kirsch erschien 1988, das der Wolf ein Jahr später, also vor 20 Jahren. Beim Lesen beider Werke macht man aufschlussreiche Entdeckungen über das literarische Verarbeiten von Erlebtem, von Empfundenem. Diese vergleichende Lektüre sei empfohlen!
Christa Wolf benennt Sarah Kirsch als "Bella" und stellt ihrem Sommerstück Verse von ihr voran: "Raubvogel süß ist die Luft/ So kreiste ich nie über Menschen und Bäume/ So stürz ich nicht noch einmal durch die Sonne/ Und zieh was ich raubte ins Licht/ Und flieg davon durch den Sommer!"
Der Einstieg der Wolf lautet: "Es war dieser merkwürdige Sommer. Später würden die Zeitungen ihn ‚Jahrhundertsommer' nennen ... damals, so reden wir heute, haben wir gelebt."
Die Kirsch erinnert sich, zur Zeit der Niederschrift mit 144 sogenannten Seelen in Tielenhemme/Schleswig/Holstein lebend, 30 Kilometer von der Nordsee entfernt: "Wo wir einst lebten, mag wieder Weltfriedenstag sein und sämtliche Schulen nehmen nach einem gleichzeitigen Fahnenappell den Unterricht auf ..." Dann stellt sie das Leben in ihrem jetzigen Zuhause vor und plötzlich heißt es : "Oftmals im Lauf ... der Jahre fällt mir Carola ein; von gleicher Art werden Luft und Firmament auch in Mecklenburg sein ... wie in jenem bezaubernden Sommer kann ich jederzeit mit Hülfe phantastischer Flügel in Carolas Küche mich schwingen ... was war das für ein besonderer Sommer, wir warfen uns ein immerwährendes Tonband mit Theodorakis-Endlosgesängen an." An anderer Stelle: " Was war das fürn phantastischer Sommer, der glühend und schwer über Mecklenburg lag." Sie nennt ihn auch "hitzebrütig". Mit frisch gebackenem Apfelkuchen zogen sie, ihr Kind Moses und die Carola-Freundin zu den Wolfs, die mit ihren Kindern und Kindeskindern im benachbarten Dorf ihren Sommersitz hatten, "an einem geringen kreisrunden Teich gelegen, den sechs ehrwürdige Kopfweiden umstanden." Dort war man "unter Freunden, deren Freunde, sehr vielen Kindern, die alle in der Halbwelt Berlin ansässig waren." Man saß "auf den Stühlen verschiedener Epochen um einen freigiebigen Tisch großer Ausdehnung ... wir sprachen viel von den zukünftigen Zeiten, ihren schwerlichen Reisen oder den Vorteilen Preußischer Zensurengesetzgebung, weil sie, da festgeschrieben, zu umgehen doch war und danach sangen wir mehrfache zweistimmige Lieder, Christa und Gerhard wußten stets alle Strophen."
Über diesen mecklenburgischen Sommer gibt es noch ein anderes Zeugnis, Fotos der bekannten Fotografin Helga Paris, häufig reproduziert. Sie waren auch in einer Kunstausstellung in Limlingerode im Geburtshaus der Kirsch im Sommer 2003 ausgestellt. Ein Bild zeigt die Freunde um den vor dem Haus stehenden großen Tisch versammelt, ein anderes Christa Wolf und Sarah Kirsch im Gespräch vertieft, ein nächstes die Wanderung zu den Wolfs ins Nachbardorf, auf dem Carola das Blech mit dem Kuchen trägt.

Heidelore Kneffel

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"Küsse am Abend den Anrufbeantworter"- Sarah Kirschs "Sommerhütchen" mit Dieter Goltzsches Zeichnungen

Im goldgelben Leineneinband mit frühlingsgrünem Buchrücken ist Sarah Kirschs neueste Prosaminiatur, das "Sommerhütchen", im Steidl Verlag in Göttingen im Herbstprogramm 2008 erschienen. Da man weiß, dass der bekannte Künstler Dieter Goltzsche Bilder dazu schuf, erwartet man beim Aufschlagen eine Frontispizzeichnung - jedoch vergebens. Sarah Kirsch hatte sich Goltzsche als Illustrator gewünscht, denn er hat 1973 ihren Gedichtband, "Zaubersprüche" mit kongenialen Zeichnungen versehen, das Buch, das bis heute als eine der Maßstäbe setzenden Publikation jener Jahre gilt.
Sarah Kirsch verdichtet die täglich in ihrem "Journal" festgehaltenen Tage vom 16. April 2004, ihrem Geburtstag, bis zum 16. September auf dem Laptop zu Poesie, Dieter Goltzsche ergründet ihren Text mit seiner Feder und findet im Zeichnen die adäquate Sprache.
Das "Sommerhütchen", das im Titel so beschwingt daherkommt, ist ein Hohelied auf den Norden, die Landschaft, die die Autorin seit Mitte der 1980er Jahre zu ihrer dichterischen Heimat erkoren hat, auch, weil sie dort in Tee von Jahr zu Jahr intensiver das Hohelied der Einsiedelei singen kann.
Am Abend ihres im Eingangstext beschriebenen Geburtstages küsst sie ihren Anrufbeantworter, der es ihr ermöglicht, die auszuwählen, mit denen sie sprechen möchte. Es ist für sie fast unausstehlich, eine öffentliche Person zu sein. All die Postsendungen und die Telefonate, die da kommen mit den vielen Anfragen, die sie als dichtender Mensch nicht beantworten kann und will - wo bliebe denn ihe Schreiben, das doch Lebenselexier ist? "Niemand" ist ihr, abgesehen von wenigen Personen, in ihrer jetzigen Lebenszeit der angenehmste Mensch. "Mit Niemand versteh ich mich prachtvoll." "Oh das herrliche simple Leben". "Das Leben im Tal der Schmetterlinge."
Für Sarah Kirsch ist das Haus mit seinen Altersspuren, mit seinen Zimmern in alle Himmelsrichtungen ein feines Refugium. Von hier erlebt sie die Welt, und es dreht sich das schöne Mühlrad im Kopf.
Von weiter draußen kommen Bücher und die Fernsehprogramme, hochwach aufgenommen, oft bissig kommentiert. Aber das, was ihre Lebensqualität bestimmt, erfährt sie aus der Fluss-Deichlandschaft mit der Vogelschar, im naturnahen Garten, in den Wiesen, am Fluss. Die Blumen, denen sie begegnet, kennt sie, die winkenden Bäume sind vertraut, der Reiherbaum oft Ziel.
Die Tages- und Jahreszeiten geben ihrem Da-Sein den Rhythmus. Die Lyrikein offenbart sich in den Beschreibungen dessen, was da wächst, kreucht und fleucht . Sie liebt das "Zeug das sich selbst erschafft."
Und da sind die zwei Katzen, bekannt geworden durch den Band "Regenkatze", eher erschienen, jedoch anschließend an das "Sommerhütchen" handelnd.
Viel Musik erklingt im Haus, der Laptop wird betätigt, denn es entsteht der Text der "Kuckuckslichtnelken", der autobiographischen Erzählung über Kindheit und Jugend. Vor allem die Mutter ist präsent, auch der Vater, der ihr aber immer fremder war. "Die Erinnerungen florieren."
Einmal fährt die Dichterin zu einer Lesung. Wolkengedichte sind gefragt, die ihr oft aus der Feder geflossen sind. Der Himmel mit seinem Wolkengetier, Sonne, Mond und Sterne sind vertraut - das Leben lang. Sie liest mit dem Dichter aus Salzburg, C. W. Aigner, der in der Zwischenzeit eher ein Italiener ist, in der Ausstellung "Die Entdeckung des Himmels". Da nimmt die Kirsch sogar die Menschen in kauf. Ein halbes Jahr in geraffter Form, so wiedergegeben, wie die Gedanken strömen. Ohne Absatz bei dem jeweiligen Tag. Sie bedient sich einer ihr eigentümlich gewordenen saloppen Kunstsprache, die in den letzten Büchern mehr und mehr Vorrang bekommt.
Beim Lesen begegnen uns in unregelmäßigen Abständen die Zeichnungen des Künstlers Dieter Goltzsche, der eingehend den Dichterinnentext gelesen und dabei auch sein eigenes Leben befragt hat. Man ist beinahe ein Jahrgang. Einprägsame schwarz-weiß Zeichnungen kamen auf das Papier. Da bekannt ist, dass der Künstler mehr als die gedruckten 21 Grafiken schuf, wünscht man sich eine Ausstellung mit ihnen.
Was für ein treffendes Goltzschebild einer kess-lässigen Katze! Sie zeigt sich auf dem Schoß der Dichterin. Denn diese ist es, die da versunken nahe der Standuhr sitzt, aus der Gräser und ein Blümlein sprießen. Der magische Katzenrücken im hohen Gras! Diese unnachahmlichen Krähen, Schwalben, der Reiher! Die Bäume mit kühnen Schwüngen oder kontemplativ! Die feinen stimmungsreichen Fenster-Blicke! Jedes Blatt ist vieler Blicke wert. Es ist bereichernd, dass diese Bildfindungen im Buche sind.

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Ein Höhepunkt in der Dichterstätte in Limlingerode 2007 - Besuch aus Japans Hauptstadt Tokio

Über die Internetseite erreichen den Vorstand des Fördervereins "Dichterstätte Sarah Kirsch" Mails auch aus dem Ausland. Ende Mai 2007 kam eine Nachricht aus Japan von der Übersetzerin der Dichtungen Sarah Kirschs, Yoko Naito, die an einer der Universitäten in Tokio die deutsche Sprache lehrt. Wörtlich heißt es: Ich habe erst neulich gewusst, dass Kirschs Geburtshaus in Limlingerode "Dichterstätte" geworden ist. Das ist eine schöne Überraschung. Ich freue mich darauf, das Haus einmal zu besuchen. Übrigens, ich möchte Mitglied im Förderverein werden. Und wenn möglich, möchte ich vor allem sämtliche Büchlein der "Limlingeröder Reihe" haben.
So begann unser Internetbriefwechsel. Die Publikationen wurden gen Tokio gesandt und als Reaktion darauf kam im Juni diese Nachricht: Sicher habe ich die Post erhalten. Die schönen Hefte machen mir große Freude. Ich bin sehr gespannt, jedes zu lesen. In Limlingerode ist schon der schöne Frühsommer gekommen, glaube ich. Die Natur und die Naturschönheiten werden dort noch leben. Im Juli erfuhren wir: Übrigens, ich habe vor, ein paar Tage in der letzten Augustwoche Limlingerode zu besuchen. Dazu bewegten mich die Limlingeröder Hefte mit den vielen Fotos. Ich möchte auch gerne auf dem "Grünen Junipfad" und in der Gegend spazieren. In unserer Antwort teilten wir ihr mit, dass sie im Geburtshaus Sarah Kirschs in den Dichterzimmern wohnen könne. Es ist mir eine unglaubliche Freude, dass ich mich im Geburtshaus Sarah Kirschs aufhalten kann. Ich komme am 24. August aus Jena-West in Nordhausen an., schrieb uns Yoko Naito.
Sarah Kirsch, von uns von diesem Besuch in Kenntnis gesetzt, kennt ihre japanische Übersetzerin von deren Besuch in Tielenhemme und ist sehr angetan von deren Persönlichkeit.
Unter dem Titel "Zaubersprüche" erschienen 1998 ausgewählte Werke Sarah Kirschs auf Japanisch, übersetzt und herausgegeben von Yoko Naito.
Wir sind sehr gespannt, wie das Buch gestaltet ist, wie sich Sarah Kirschs Gedichte in der japanischen Sprache anhören und welches Schriftbild sie zeigen. Frau Naito wird in dem Geburtshaus Sarah Kirschs zwei Tage und Nächte wohnen, die Lesung über Mascha Kaleko am Samstag, dem 25. August, miterleben und so unmittelbar kennen lernen, auf welche Art und Weise die Lyrik im Geburtsort Sarah Kirschs ein Zuhause hat.

Ein Nachtrag: Nach Ankunft des Zuges erkannten wir Frau Naito an ihrer zierlichen Erscheinung und an ihrem Hut. Noch im Auto schenkte sie uns den in Japan erschienenen Sarah-Kirsch-Gedichtband, dessen Einband ein Aquarell der Dichterin ziert, eine Fotografie im Inneren zeigt sie in einer Parklandschaft.
Kaum im Haus angekommen, zog es bei sonnenwarmem Wetter magisch auf den "Grünen Junipfad" hin bis zum sehr grünen Erdfallsee. Yoko Naito begeisterte der Wald und die weichen grünen Moose auf einigen Wegen. Sie fotografierte zurückhaltend. Nach der Wanderung besuchte Frau Naito den Taufengel in der barocken Kirche und ließ sich, unter ihm stehend, fotografieren.
Am Abend fuhren wir nach Neustadt, denn es fand ein Barockkonzert in der St.-Georg-Kirche statt. Als Gäste in der ersten Reihe sitzend, war uns nun dieser Taufengel nahe und die vier Musizierenden, darunter eine Japanerin und zwei Japaner. Die intime Aura der evangelischen Dorfkirche sagte ihr sehr zu. Bei Mondschein und einigen wallenden Nebelschwaden fuhren wir nach Limlingerode zurück.
Am Samstag stellten wir Yoko Naito den Besuchern der "Dichterstätte" vor, sie trug auf deutsch vor, warum sie sich Sarah Kirsch für ihre Übersetzung ausgewählt hat. Wir hörten die japanische Sprache, als sie ein Sarah-Kirsch-Gedicht in der Übertragung rezitierte.
In das Gästebuch schrieb sie: Limlingerode im Spätsommer ist zauberhaft, viel Sonne, viel Grün und ruhig. Die Lesung am Samstagnachmittag beginnt in einem kleinen Saal in guter Atmosphäre. Vielen Freunden der Dichtung begegnet, bin ich tief begeistert. Den Förderverein verehrend. Yoko Naito aus Tokyo am 25. 08. 2007 Sie hinterließ uns auch in ihrer Handschrift auf japanisch das Gedicht Sarah Kirschs "Die Nacht streckt ihre Fühler aus".
Nach ihrer Rückreise erfuhren wir: Ihren Brief mit den Fotos habe ich mit Freuden erhalten, und auch das schöne Kunstbuch des Fördervereins ist ohne Beschädigung angekommen. Ihre Güte und Freundlichkeit werde ich nie vergessen. Und an Sarah Kirsch habe ich einen Brief mit Fotos gesandt.
Limlingerode wird nun im Herbst sein, und bei Sarah Kirsch im Norden ist es sicher schon kühl.
Im September erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt in München Sarah Kirschs tagebuchartige Prosaminiaturen mit dem Titel "Regenkatze". Die Dichterin bat mich, ihrer japanischen Übersetzerin einen signierten Band zu übersenden, der mit zwei weiteren Widmungsexemplaren in Nordhausen eintraf. Mit lotosblauer Tinte stand geschrieben: für Yoko Naito mit 1000 Regengrüßen! Sarah K. 21. Septembrius 2007. Darunter erscheint ein von ihr gezeichneter Tulpenstengel mit doppelter Blüte. Die Reaktion aus Tokyo kam prompt: Danke von Herzen, das signierte Regenkatzebuch ist bei mir eingetroffen. Wir können darin Kirschs Alltagsleben und ihre Empfindungen ganz nah spüren. Was sie schreibt und wie sie schreibt, interessiert mich immer. Ich habe gefunden, dass Kirsch weder einsam noch Eremitin ist. Das freut mich sehr.

Heidelore Kneffel

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Wolf Biermann, der 13. November 1976 und die tiefgreifenden Folgen auch für Sarah Kirsch

Am 13. November 1976 sang Wolf Biermann, der Liedermacher, der Polit-Barde aus der DDR in Köln, in der Sporthalle, die ca. 7000 Zuschauer aufnahm. Veranstalter war die IG Metall. Die ARD übertrug den Biermannauftritt, und auch im zugesperrten Ländchen konnte man ihn in vielen Tälern, Höhen und im flachen Lande empfangen.
Eigentlich verwunderte es, dass Biermann ins sogenannte Land der Bonner Ultras reisen durfte, denn er hatte in der DDR offizielles Auftrittsverbot. Seine in den Liedern und Gedichten vorgetragenen Sozialismusideen waren oft nicht die, die von den SED-Funktionären propagiert und durchgesetzt wurden. Der "real exsistierende Sozialismus" wurde mehr und mehr sehr wurmstichig und faulte.
Es gibt eine Fotografie von Roger Melis, dem Sohn des Dichters Peter Huchel, aufgenommen im Jahr 1965, und zwar in der Wohnung Biermanns, Chausseestraße 131, im Osten Berlins. Neun Personen haben sich um den Kachelofen versammelt, Nelken stehen auf dem kleinen runden Tisch, man hält Gläser in der Hand, einer eine Gitarre - Wolf Biermann. Gleich neben ihm steht, lachend, Sarah Kirsch, neben ihr Helga M. Novak, die Poetenfreundin der Kirsch. Vor den Dreien sitzen u. a. Rainer Kirsch, Kurt Bartsch, Robert Havemann - bis auf den Letzteren alles dichtende Personen. Knapp zehn Jahre später, Sarah Kirsch ist geschieden und von Halle nach Ostberlin gezogen, wird man sich in solcher und anderer Runde auch in Sarah Kirschs Wohnung auf der Fischerinsel treffen, aus Manuskripten lesen, sich kritisch beraten, geistreich witzig und geistreich ernst sein. Die Abhöranlage der Staatssicherheit ist immer zugegen.
Wieder ins Jahr 1976. Also, Wolf Biermann sang am 13. 11. in Köln, der Beifall war andauernd, so dass sich der Auftritt zwei Stunden verlängerte. Auch in Ost-Berlin saßen Menschen vor dem Fernsehgerät, darunter Freunde und Bekannte Biermanns, Schriftsteller, Musiker, Künstler, Schauspieler. Drei Tage nach dem Konzert, am 16. 11., hörte der Sänger, gerade 40 Jahre geworden, im Autoradio, dass er aus der DDR ausgebürgert worden sei. Am 17. 11. verkündete es das "Neue Deutschland", die oberste SED-Zeitung.
Empörte Reaktionen erfolgten bereits am 17.11. 76. Der erste Protest war unterzeichnet von folgenden nicht gerade unbekannten Personen: Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühmann, Fritz Cremer, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günther Kunert, Heiner Müller, Rolf Schneider, Gerhard Wolf, Jurek Becker, Erich Arendt. So hatten es die Politbüro-Obersten nicht einkalkuliert. Man erwartete und organisierte Zustimmung und war wohl ansonsten vom offiziellen Schweigen von Andersdenkenden ausgegangen. In den nächsten Tagen protestierten weitere Prominente. Der Druck von den Herrschenden auf diese wurde groß, und wer die Unterschrift in der Folgezeit nicht reumütig zurücknahm, bekam u. a. Auftrittsverbot. Das war für diese auf Öffentlichkeit Angewiesenen eine Existenzbedrohung. Und dieses Drohen wurde auch auf die unmittelbare Umgebung ausgeweitet. Es war, um es mit Sarah Kirschs Worten auszudrücken, "sehr ungemütlich!"
Von ihr, deren Namen ja auf der ersten Protestliste als erster zu lesen war, weiß man aus Gesprächen, dass sie in ihrer Hochhaus-Wohnung, Fischerinsel 9, verleumderischen Attacken an den auf den Etagen hängenden schwarzen Tafeln ausgesetzt war, wie z. B." Wir möchten nicht mit einer Verräterin in einem Hause leben." Ihr Sohn ging in die 2. Klasse, und die Schulleiterin verkündete vor Aspiranten, dass sie auch den Sohn von Frau Kirsch in der Schule hätten und mit dem würden sie auch noch fertig. Es kam für die bekannte Poetin der Ausschluss aus der SED und aus dem Schriftstellerverband.
Sie entschloss sich Ende Juli 1977, den Ausreiseantrag aus der DDR zu stellen. Um das Prozedere zu beschleunigen, schrieb sie an Erich Honecker persönlich, teilte mit, dass sie den Wunsch hätte, mit ihrem Sohn nach West-Berlin umzuziehen, und wenn er ihnen hülfe, wäre sie sehr froh darüber, "sonst, ich wohne ja im 17. Stock!" "Und, das war gut überlegt und gut formuliert, denn, ich hatte den Brief an einem Freitag abgegeben und am folgenden Dienstag bekam ich die Nachricht : Ja, ja Frau Kirsch, sie können fahren!"
Die vorgeschriebenen Umzugskisten kamen ins Haus, mit russischer Aufschrift: ??????? ???. Auch davon gibt es eine Fotografie von Roger Melis. Sarah Kirsch sitzt barfüßig oben auf den gestapelten Kisten, leicht schmunzelnd. Der kleine Schreibsekretär mit Biedermeierstuhl steht, mit Werkzeugen und Papieren belegt, links im Vordergrund, die Tür ist einen Spalt geöffnet.
Am 28. August 1977, an Goethes Geburtstag, zogen Sarah und Moritz Kirsch in den Westteil Berlins, "weg wie Schmidts Katze", wie sie es aufschrieb.

Heidelore Kneffel

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Die Erzählung "Kuckuckslichtnelken" von Sarah Kirsch mit neun farbigen Grafiken des Künstlers Siegfried Klapper im Oktober 2006 erschienen

Klein und fein liegt die Publikation "Kuckuckslichtnelken" der Dichterin Sarah Kirsch in der Hand. Der Einband, zart schimmerndes Leinen aus Holland, trägt annähernd die Farbe, die die Kuckucklichtnelken (Lychnis flos-cuculi) haben, nach denen Sarah Kirsch ihr Büchlein mit den 110 Seiten benannte. Diese aparte Rosè-Tönung setzt sich im Inneren fort mit dem Vorsatzpapier, der Initiale I des ersten Wortes "Ich" und den Seitenzahlen. Manche Kritiker haben mit diesem Farbton ein Problem, rätseln, haben vielleicht die titelgebende Blume noch nicht in natura gesehen.
Dem Text Sarah Kirschs über das Dasein der Ingrid Bernstein vom 16. 4. 1935 bis zum 17. 6. 1953 nahe des Harzes (Limlingerode, Halberstadt) - ohne Absatz in fast atemloser Folge erzählt - sind neun farbige Grafiken des Künstlers Siegfried Klapper beigegeben, ausgesucht von der Autorin. Sie zeigen Darstellungen von Äpfeln, einer Frucht, die im Buch, also in der Kindheit und Jugend der Ingrid Bernstein, ein Dreh- und Angelpunkt ist. Und, da die meisten Bilder eine halbierte Frucht zeigen, in feinster Farbnuancierung ausgeführt, ist man dem reichen Symbolgehalt des Apfels auf der Spur.
Wir erfahren im Büchlein, dass einer der Lieblingsorte des Kindes der Garten des Großvaters, des Vaters der Mutter, in Halberstadt, war. ... ich hab da Schularbeiten gemacht, mit herrlichen Abschweifungen, Singdrosseln und dem Leben in Büchern. Von den Äpfeln hab ich mich während des ganzen Krieges ernährt. Eigentlich waren die verboten, weil die Bäume ... nur meinem Großvater gehörten. Aber mit Äpfelbergen bin ich zu Bett gegangen, hab gelesen und die Äpfel gefressen, und das war das Schönste auf der Welt.
Sarah Kirsch kennt den Künstler Siegfried Klapper aus den 70er Jahren, als sie aus dem "Ländchen" für einige Tage gen Frankreich fahren durfte und sich schnurstracks in den Süden begab. So heißt auch ein dann entstandenes Gedicht "Der Süden" im Gedichtband "Rückenwind", 1976 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar erschienen, in dem man liest: Petrarca kommt mit Laura den Weg uns entgegen / Auf einem Maultier. Beide über siebzig und Laura / Rauchte Zigarrn. Der Maler Klapper holt aus einem Schuhkarton / fünfundzwanzig angefangene Bilder. Ein Ockertagebau / Ein Schwemmsystem um den Farbstoff zu fangen - alles / Unterm Mont Ventoux eines Tags im September, der / Währt schon ein Jahr. Es war also eine euphorische Begegnung mit diesem Künstler damals in Frankreich, als sich die Dichterin befreit fühlte. Und, die Arbeiten des im Süden Frankreichs zurückgezogen lebenden Künstlers sind wirklich fast alle kleinformatig.
Im Frühjahr dieses Jahres gab es in der Galerie Brockstedt in Hamburg eine Retrospektive von über 90 von Siegfried Klappers Arbeiten: "Akribische Träume" - Bilder wider den Zeitgeist (1954 - 2002), zu der er Sarah Kirsch einlud. Just in dieser Zeit war der neue Text der Dichterin beendet. Der Verleger Gerhard Steidl gibt den bei ihm erscheinenden Erzählwerken gern bildende Kunst hinzu. Klappers Blätter boten sich geradezu an, denn sie entsprechen in ihrer Art dem Erzählton der Autorin in schöner Weise.
Das neue Büchlein Sarah Kirschs wurde in ihrem Geburtshaus in Limlingerode vorgestellt. Es beginnt nämlich in diesem Ort: Ich bin 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode geboren worden, in einem südländisch anmutenden Fachwerkbau auf einer Anhöhe am Rande des Waldes. Es handelt sich um den letzten Amtsitz meines Großvaters vor dem Ruhestand, und es wohnten auch meine Eltern in diesem Haus ... So lauten die ersten Zeilen, und wer mehr über Ingrid Hella Irmelindes Kindheit und frühe Jugend erfahren möchte, kann die "Kuckuckslichtnelken", im Steidl Verlag Göttingen erschienen, in jeder gut sortierten Buchhandlung für 12 € erwerben.

Heidelore Kneffel

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Sarah Kirschs Gedichte und deren Interpretationen...

Immer wieder werden die Mitglieder des Fördervereins gefragt, was denn die Dichterin Sarah Kirsch ganz im Detail mit diesem und jenem Gedicht aussagen will. Zuerst bleibt zu sagen, dass es ja schwarz auf weiß auf dem Papier steht und man sich zutrauen soll, seine Erfahrungen mit dem Leben getrost abzurufen, wenn man die Zeilen leise und laut liest. Mehrere Male möglichst, denn wie bei allem, wächst die Erkenntnis und der Genuss beim wiederholtem Tun. Es gibt wenige Poeten, die gern Deutungen ihres Schaffens geben, sie vertrauen dem Lesenden, dass er eine Spur in die Dichtung findet. Und wenn nicht gleich, so zu einem späteren Zeitpunkt, denn Lyrik ist eine Lebensbegleitung. Ist das literarische Werk gedruckt in der Welt, beginnt es ein Eigenleben. Derjenige, der es schrieb, hat sich davon abgenabelt.
Da es jedoch Personen gibt, die Interpretationen zur Lyrik Sarah Kirschs öffentlich machten, sind in der "Bibliothek der Dichterinnen und Dichter" in Limlingerode im Geburtshaus der Autorin Publikationen vorhanden, in denen man diese nachlesen kann, z. B. auch über das Gedicht, "Die Entrückung" aus dem Band "Katzenleben", 1984 herausgegeben, das von Karin Kisker eingehend befragt wurde.

"Die Entrückung", ein Gedicht von Sarah Kirsch

Ein Gedicht ist was für Eingeweihte, und eine Gedichtinterpretation kann entweihen, da sie vorgibt, die Dinge durch Zerstörung ihres Zaubers sichtbar machen zu können. Beim Lesen diverser Versuche hat man daher den Eindruck, das Gedicht erstarre vor seiner Deutung zur seelenlos gefügigen Masse, zum Abbild eines Redners der traurigen Gestalt, der trotz großer Tapferkeit seiner Aufgabe nicht gerecht zu werden vermag. Sisyphos erscheint am Horizont, auch Ritter, Tod und Teufel, hinterdrein des Interpreten eigner Geist. Aber genau das ist es, was die Interpretation interessant macht. Man kann illustre Geister bestaunen, assoziierte Kopfgeburten erleben, die ohne das Gedicht niemals das Licht der Welt erblickt hätten. Man taucht ein, ist entzückt oder entrüstet, belustigt oder verärgert, erstaunt oder gelangweilt oder nichts davon. das Gedicht steht einsam, ist der Klang, von dem die Rede ist.
Kein Mensch vermag die Melodie zu hören, die da besprochen wird, und selbst die schönsten Worte können nicht die Stille vertreiben, die ein schweigender Text, aus welchem Grund auch immer, dem Menschen in die Seele senkte. Es ist darum völlig unsinnig, eine Gedichtinterpretation wie eine Gebrauchsanweisung lesen zu wollen. Es gibt zwei Deutungsarten: Die eine versucht, vermittels der Analyse sich des Inhaltes zu bemächtigen, und die andere nimmt das Gedicht als eine Art Geländer zum Anlass, spielerisch die eigenen Tiefen geistiger Schöpferkraft auszuloten. Beide Herangehensweisen funktionieren ebenso, wie sie gleichzeitig auch fragwürdig erscheinen. Es geht immer haarscharf am Gedicht vorbei. Wobei letztere Methode den Vorteil hat, dass die Verse unversehrt bleiben. Die Worte holen mich ein und setzen längst entrückte Gedanken in mir frei.

Die Entrückung

Die Sonne schleudert unbarmherzige Hitze
Dem Grabenden auf den gebeugten Rücken
Flüche hört er verschollner Gestalten
Den uralten Kuckuck und das Gewese
Der frommen einfältigen Lerchen er sieht
Im weißen brechenden Licht
Wolkenlos Gottes Thron, auf den Stufen
Die heiligen Ackerpferde stehn
Die nun allerorts fehlen.

Es gibt im Leben seltene Momente der Entrückung, da man selbstvergessen einer höheren Wahrheit teilhaftig wird, die außerhalb des unmittelbaren Erlebens mit einer direkten Sprache nicht mehr vermittelbar ist, denn die Buchstaben halten durch ihre grammatikalischen Bindungen den heiligen Geist des Geschauten in Fesseln.
Allein die Dichtung vermag jene Sphäre zu beschreiben, die den Geruch des Absoluten durch eine dem Alltag entrückte Sprache magisch hervorzaubert. "Die Entrückung", der Geist löst sich ab. Um zu einer höheren Wahrheit zu gelangen, muss man aus sich heraustreten. Das ist einem Fleischlichen zwar schlecht möglich. Aber im Verstand des Menschen klaffen Risse, durch die das Blau der Ewigkeit zu sehen ist. Wir sehen die eisige Höhe und die fliehenden Weiten.

Die Sonne schleudert unbarmherzige Hitze
Dem Grabenden auf den gebeugten Rücken.

Ein profanes Bild, den Rücken zur Erde gebeugt, gräbt der Mensch auf weitem Feld in sengender Mittagsglut. Früh noch waren da Ackerpferde. Doch die gibt es nicht mehr. Der Mensch setzt sich aus, ist allein und gräbt. Ich versuche mir die Situation zu vergegenwärtigen, leide angesichts der Vorstellung, selbst jener Grabende zu sein. Ich spüre, wie sich der Rücken schmerzlich krümmt, während der Schweiß in den Augen brennt. Erbarmungslos drückt die unerträgliche Last des Seins die Gedanken erdwärts, lautlos der Schmerz. Oben der Himmel und die gleißende Sonne. Der Hundsstern grüßt. Klaglos trage ich mein Schicksal, das Schicksal des Grabenden. Er buddelt sich gegen alle Widerstände in seine Welt. Die Wiederkehr des ewig Gleichen und der so erzeugte gleichbleibende Druck bewirken jene Leichtigkeit, die den Körper automatisch antreibt. Und da plötzlich, losgelöst von allem, schaut der Mensch hypnotisiert durch die Risse seines Verstandes, und das Ungeheure passiert:

Flüche hört er verschollner Gestalten.

Mit sich entzweit, ist er für den Bruchteil einer Sekunde außer sich und eins mit dem Absoluten. Er schaut die still vorausgedachte Gefahr, hört das Fluchlied seiner Urväter und erkennt sich selbst.
Der mittlere Teil des Gedichtes ist wunderbar dunkel. Der Vers fliegt im vierten Fall übers luftige Kolon.

Den uralten Kuckuck und das Gewese
Der frommen einfältigen Lerchen er sieht
Im weißen brechenden Licht

Kuckuck und Lerchen bevölkern die himmlischen Gefilde. Ersterer ist uralt und scheinbar immer der Gleiche. Das Lerchenvolk ist fromm und einfältig. Allein, das Einfältige ist auch immer dasselbe, ist eins mit sich in der Wahrheit unerschütterlichem Grund. Während der Körper des Grabenden im Feuer des ewigen Werdens vergeht, verweist ihn also das unendliche Sein, das Gewese von Kuckuck und Lerchen, auf die Ordnung der Zeit. Der Mensch hört das Lied des Uralten und den Ton des frommen Einfältigen und erkennt

Im weißen brechenden Licht

ein Bild, das ihm als das Aufleuchten der absoluten Wahrheit erscheint. So hat er einen Schatz geborgen, den wertvollsten, den man sich vorstellen kann. Er sah durch die Risse seines Verstandes in die eisigen Höhen und schaute die Idee des Schönen und Wahrhaftigen.
Die Verse des Vogel-Geweses sind mit dem inneren Sehen so eng verwoben, dass man kaum Zeit hat, seine Sinne zu sortieren. Die Zeile springt schnell, dass man´s kaum gewahr wird. Sehen und Hören vergehen einem, wird man des Bildes seiner Zukunft angesichtig, das in Zeit und Zeile gebrochen, das Vergangene in sich trägt wie eine Ikone.

Im weißen brechenden Licht
Wolkenlos Gottes Thron, auf den Stufen
Die heiligen Ackerpferde stehn

Ein solches Bild kann man nicht erzwingen. Es leuchtet als Idee auf. Das Wertvollste, dessen man sich versichern kann, ist die Gewissheit, und genau dieser wird der Grabende in seiner Schau teilhaftig. Was ihm da in einer Art Vision geboten wird, ist die Gewissheit der Existenz Gottes als Verkörperung des Schönen und Wahrhaftigen.
Den Weg dorthin beschreibt Platon als Stufenfolge der Erkenntnis, demzufolge es die Aufgabe der Seelen sei, durch tätiges Werden, Erinnerung wachzurufen, um an vorgeburtliche Vollkommenheit anzuknüpfen. Insofern ist der Grabende ein Demiurg. Er kann sein Werk getrost verrichten, da er die heiligen Ackerpferde sah, die, früh noch seine engsten Begleiter, nun auf den göttlichen Erkenntnisstufen fast bis zum Höchsten gelangten. Keine Seelenkraft geht also verloren, und die heilige Idee ist unsterblich. Heilig ist keine Eigenschaft, sondern eine posthume Zueignung. Nicht die ewig fromme Einfalt des Seins gerät zur Heiligkeit, sondern nur das beharrliche Ringen um die Erkenntnis des Wahren und Schönen, das bewusste Werden. Des Menschen Tun ist nicht vergebens.
Vergessen wir jedoch nicht, dass der Grabende sich im Zustand der Entrückung befindet. Der Text fließt lückenlos ineinander, dennoch hört man dem inneren Tonfall des letzten Verses an, dass die Entrückung im Moment vorbei ist, dass allein die simple Feststellung vom großartigen Bild blieb, dass es die Ackerpferde nun nicht mehr gibt. Doch wir wissen jetzt, dass der Grabende eine höhere Stufe hin zur Wahrheit erreicht hat.

..., auf den Stufen
Die heiligen Ackerpferde stehn
Die nun allerorts fehlen.

Irgendwann geht auch der Mensch in der Idee des Schönen auf. Bis dahin baut er unverdrossen am Weltgebäude, begleitet von der frommen Einfalt des Geweses, die seine Sinne für das Eigentliche schärft. Sein Weltgebäude wird wohl am Ende ein phantastisches Grabmal sein, eine Verkörperung des Absoluten. Das Großartige an diesem Gedicht ist, dass es ein einfaches Bild assoziiert, ein Bild, an dem äußerlich nichts Spektakuläres die Sinne fängt. So beginnt man automatisch die Sachlichkeit der Sprache zu hinterfragen. Man gräbt sich in Worte wie in dunkle Erde, und je tiefer man in die Bedeutungsebenen dringt, um so heller wird es. Plötzlich befindet man sich, dem formalen Bild entrückt, auf einer metaphysischen Ebene, die, ebenso abrupt, wie man in sie hineinglitt, sich auch wieder dem Zugriff des Geistes entwindet. Nicht jedoch, ohne einen Abdruck dort zu hinterlassen.
Der Grabende geht in sich, steht wieder mit beiden Beinen in der Situation, ist im Bilde, und es zeigt sich, dass es gar nicht so leicht ist zu erkennen, welche Eigenschaft ein jedes Ding hat.

Karin Kisker

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